
Ruedi Schwitter, Landrat Glarus Nord:
Ich bin Informatiker. Ich kenne Algorithmen, Datenflüsse, Systeme. Aber in den letzten Monaten habe ich gemerkt: KI verändert unsere Welt schneller, als wir reagieren können – und oft schneller, als wir selbst denken.
KI schreibt Texte, malt Bilder, erkennt Gesichter, beantwortet Kundenanfragen, programmiert Codes. Was gestern noch Zukunft war, ist heute Alltag. Wer glaubt, das sei nur etwas für Technikfreaks, irrt: KI greift direkt in Arbeit, Bildung, Wirtschaft – und Politik ein. Wir stehen vor Fragen, die wir bisher nur Philosophen gestellt haben: Wer entscheidet? Wer trägt Verantwortung? Wer profitiert – und wer wird überrollt?
Ich sehe Kolleginnen und Kollegen, die staunen – und andere, die nervös werden. Plötzlich erledigt eine Maschine Dinge, für die wir jahrelang gelernt haben. Routinen werden obsolet, Expertise verschiebt sich, traditionelle Rollen verschwimmen. KI ist kein Werkzeug mehr – sie ist ein Spiegel: Sie zeigt uns, was wir leisten, und gleichzeitig, was wir überflüssig machen.
Doch die Maschinen spiegeln nicht nur unsere Stärken. Sie übernehmen auch unsere Vorurteile, unsere Einseitigkeiten, unsere Fehler. Politische Entscheidungen werden zunehmend von Algorithmen beeinflusst – bei Sozialleistungen, der Verteilung von Fördergeldern oder der Analyse von Wahlverhalten. Wer die Technologie nicht versteht, überlässt Macht denen, die sie kontrollieren – und damit das Schicksal von Bürgerinnen und Bürgern Maschinen, die weder Mitgefühl noch Moral kennen.
Wir stehen an einem Wendepunkt. Politik und Gesellschaft müssen KI gestalten, nicht nur regulieren. Transparenz, Ethik, Kontrolle – Pflicht, keine Option. Wir brauchen Gesetze, die schneller entstehen als Code, und Bürger, die verstehen, was mit ihren Daten geschieht.
KI verändert die Welt. Aber sie verändert vor allem uns – wie wir arbeiten, denken, lernen und wählen. Sie bietet Chancen: effizientere Verwaltung, bessere Bildung, fairere Entscheidungen. Aber nur, wenn wir sie klug führen. Wenn wir zu spät handeln, überlässt die Politik die Zukunft Maschinen – und wir müssen uns fragen: Können wir selbst noch denken?
Näfels, 5. Oktober 2025